Soldat Tolkatchev an den Toren der Hölle
Soldat Tolkatchev an den Toren der Hölle
Bewegende Ausstellung im Alten Amtsgericht Petershagen erinnert an dunkelstes Kapitel deutscher Geschichte
Montag, 30. Januar 2012
Von Tanja Watermann
Minden/Petershagen (tw). Zum 67. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz ist am Freitagabend die Ausstellung „Der Soldat Tolkatchev an den Toren zur Hölle“ im Alten Amtsgericht Petershagen eröffnet worden.
Die sehr emotionalen Bilder mahnen, die Zeit des Holocausts zu erinnern und nicht zu vergessen. Die beiden Ausstellungsräume im Alten Amtsgericht, in denen die Zeichnungen und Bilder des russisch-jüdischen Kunstprofessors, offiziellen Illustrators und Soldaten der Roten Armee Tolkatchev ausgestellt sind, können die zahlreichen Gäste, die zur Ausstellungseröffnung gekommen sind, kaum fassen.
Marianne Schmitz-Neuland begrüßte als erste Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge die Gäste und zeigte sich über die gute Resonanz begeistert. In ihrer Rede würdigte sie Tolkatchev als einen „Pionier der Erinnerungskultur“ und wünscht sich, dass die Gräueltaten in Auschwitz und Majdanek nie in Vergessenheit geraten. „Die Bilder dieser Ausstellung leisten, was Sprache so nicht vermag“, erklärte Schmitz-Neuland. Die Zeichnungen, die die Besucher sehen, sind düster und bedrückend und doch senden sie eine hohe Emotionalität und künstlerisches Talent aus. Tolkatchev hat Momentaufnahmen festgehalten, die die Schrecken der Zeit zeigen und im Gedächtnis bleiben.
Rechtsextremismus ist aktuelles Problem
Bürgermeister Dieter Blume hat in seiner Rede auf die Aktualität hingewiesen: „Rechtsradikalismus hat Zulauf und ist keine Randerscheinung. Es wird uns allen Kraft abverlangt, eine Entwicklung in diese Richtung zu verhindern. Ignoranz ist der falsche Weg.“
Darüber, dass sie die Wanderausstellung am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz nach Petershagen holen konnten, sind die Initiatoren begeistert. Besonders freute sich Schmitz-Neuland über den Besuch von Hinrich Kaasmann, vom Vorstand Yad Vashem, der die Besucher kompetent und mit vielen Zusatzinformationen zu den Bildern versorgte. Kaasmann machte in seiner Begrüßung deutlich, dass es keine leichte Ausstellung ist, die hier gezeigt wird.
Trotzdem sei es ihm wichtig, möglichst viele junge Leute mit den Bildern zu konfrontieren. „Unsere Generation ist mit dem Nationalsozialismus groß geworden. Es gibt immer Berührungspunkte. Doch in ein, zwei Generationen hört das auf. Die Überlebenden des Holocaust sind in fünf bis zehn Jahren nicht mehr da.“ Er wünschte sich – etwas provokativ, wie er lächelnd zugab – von den 80 Gästen: „Jeder sollte einen Menschen unter 30 einladen und ihn überzeugen, sich diese Ausstellung anzusehen. Sonst ist es eine nette Veranstaltung, aber wir schaffen nicht die Brücke zu der jungen Generation.“
Dass die Bilder nicht nur künstlerisch hohe Werte haben, sondern auch als Beweise im Prozess über die Gräueltaten im KZ Majdanek dienten, erklärte Kaasmann ebenso wie die zunächst paradox erscheinende Tatsache, dass der Illustrator seine Bilder teilweise auf dem offiziellen Briefpapier des Standortältesten der Waffen-SS gemalt hat. „Tolkatchev wollte seine Eindrücke unmittelbar festhalten und suchte in den Räumen nach geeignetem Papier zum Malen.“
Auch den Konflikt, mit dem sich die jüdischen Überlebenden noch heute beschäftigen, skizzierte er eindrucksvoll. „Vergeben heißt aus jüdischer Sicht vergessen. Doch sie können nicht vergessen, denn sie haben aus Solidarität zu ihren Mithäftlingen versprochen, niemals zu vergessen.“
Marianne Schmitz-Neuland
(AG Alte Synagoge, Petershagen), Bürgermeister Dieter Blume und
Hinrich Kaasmann
(Vorstand Yad Vashem Deutschland) haben die Ausstellung am Freitagabend offiziell eröffnet.
Fotos: Tanja Watermann