Stolpersteine in Petershagen (2012)

 

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Petershagen (Wes). In der Stadt Petershagen sind innerhalb von einer Stunde Stolpersteine in zwei Ortschaften verlegt worden.


Die Aktion begann in der Altstadt an der Mindener Straße. Dort bekamen 70 Jahre nach der Deportation Henny Gans und ihre Söhne Ernst und Walter ihre Namen zurück.


Die zweite Station war Quetzen. Im Einmündungsbereich Stiller Weg/Auf der Höge im Ortsteil Masloh wurden auf einer gepflasterten Fläche vier Stolpersteine für die Familie Katz in die Erde eingelassen.


Die kleinen Gedenksteine aus Beton sind zehn mal zehn Zentimeter groß und mit einer Messingtafel ausgestattet. Sie erinnern an die jüdischen Einwohner, die von den Nationalsozialisten verschleppt und in den Konzentrationslagern umgebracht worden sind. Die Stolpersteine werden in der Regel vor den früheren Wohnhäusern der NS-Opfer oder in unmittelbarer Nähe niveaugleich in das Pflaster des Gehweges eingelassen.


Die Idee, die deportierten und ermordeten jüdischen Einwohner in dieser besonderen Form zu würdigen, geht auf ein Kulturprojekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig zurück. Er nahm die Verlegung der Steine persönlich vor. In der Stadt Petershagen wurden zum vierten Mal Stolpersteine verlegt. Veranstalter der Zeremonie waren die Arbeitsgemeinschaft „Alte Synagoge Petershagen“ und der Arbeitskreis „Stolpersteine“, der im Jahr 2008 für Planung und Recherche ins Leben gerufen worden ist.


Der Rat der Stadt Petershagen hatte in einer Sitzung im gleichen Jahr das Verlegen der Stolpersteine begrüßt.


Initiator der Aktion in Quetzen war der 22-jährige Florian Hoffmann. Nach dem Abitur im Petershäger Gymnasium studiert er inzwischen Sozialpädagogik in Bielefeld. Als Mitglied des Arbeitskreises „Stolpersteine“ hat er Einzelheiten über die Familie Katz in persönlichen Nachforschungen erfahren. Zu seinen Ansprechpersonen gehörte der frühere Quetzer Ortsheimatpfleger Walter Prange. Zudem wertete der 22-Jährige Archivmaterial und Schriften aus.


Zum Verlegen der Stolpersteine hatten sich 25 Personen in Petershagen und nahezu 50 in Quetzen eingefunden. Die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft, Marianne Schmitz-Neuland, wies darauf hin, dass Gunter Demnig in zehn europäischen Ländern bisher über 25 000 Stolpersteine als Denkmal für die Menschen verlegt habe, die dem Nationalsozialismus millionenfach zum Opfer gefallen sind. Dank galt den Spendern der Steine und den Mitgliedern des Arbeitskreises, die in minutiöser Recherche die Erinnerung an die betroffenen Familien Gans und Katz ermöglichten. Mit den Stolpersteinen an der Mindener Straße 20 werde der Familie Gans gedacht. „Diese Mitglieder einer alteingesessenen Petershäger Familie wurden hier aus ihren Häusern gerissen, deportiert und ermordet. Sie hatten keine Chance, dem verbrecherischen Nazi-Regime zu entkommen. Auch in der tiefsten Provinz waren sie vor den NS-Schergen nicht sicher“, sagte Schmitz-Neuland. Mit den Stolpersteinen auf dem Gehweg vor ihrer letzten freien privaten Wohnstätte werde ihnen zumindest ihr Name in Petershagen zurückgegeben. Die ihnen nachgefolgten Generationen würden mit Augen und Füßen und damit hoffentlich auch mit Geist und Seele auf ihr Leben gestoßen. „Sie waren wie wir Petershäger Bürgerinnen und Bürger. Mit den Stolpersteinen wird ihrer namentlich und dauernd gedacht. Das ist das Mindeste, was wir Nachfahrenden tun können“, bekräftigte die Arbeitsgemeinschafts-Vorsitzende. Zudem stellte sie das Verdienst des Arbeitskreises beim Verlegen der elf und zehn Stolpersteine in den Jahren 2009 und 2010 heraus. 2011 seien sechs weitere Steine in Petershagen und zwei in Ovenstädt dazu gekommen, unterstrich Schmitz-Neuland in der Zeremonie an der Mindener Straße.


Einen Text über Familie Gans trug Arbeitskreis-Mitglied Cordula Hagemeier vor. In Quetzen wies Marianne Schmitz-Neuland auf das fürchterliche Ende der Familie Katz hin. Erinnern heiße, zur kollektiven, individuellen und kulturellen Identität der Gesellschaft vor Ort beizutragen. Mit der Verlegung von Stolpersteinen werde eine Gedenkkultur gepflegt, die schmerzhafte Erinnerungen wecke, aber auch Scham und Schrecken über das Versagen. Quetzen sei nach Petershagen und Ovenstädt die dritte Ortschaft der Stadt, die sich dieser Aufgabe gestellt habe. „Dafür danke ich namens der Arbeitsgemeinschaft, verbunden mit der Hoffnung, dass sich weitere Dörfer und Ortschaften diesem Beispiel anschließen“, betonte Schmitz-Neuland.


Der Quetzer Ortsbürgermeister Friedhelm Bischoff würdigte die Initiative von Florian Hoffmann und berichtete, dass das Kulturprojekt vor einem Jahr in der Kulturgemeinschaft vorgestellt worden sei. Unter den Teilnehmern der Zeremonie hieß er neben den über 40 Einwohnern und Gästen auch Stadtheimatpfleger Heinrich Rötger und den ehemaligen Ortsheimatpfleger Walter Prange willkommen.


Presbyterin Annelore Reich vertrat die Kirchengemeinde Lahde, Pfarrbezirk Bierde.„Ich bin froh, dass in der Kulturgemeinschaft der Beschluss für die Verlegung der Stolpersteine einstimmig gefallen ist. Auf dem Friedhof stellen wir Gedenksteine für die Verstorbenen auf. Die Stolpersteine erinnern daran, dass die Menschen nicht eines natürlichen Todes gestorben sind, denn sie wurden deportiert und ermordet“, sagte Bischoff.


Florian Hoffmann unterstrich, dass vier Stolpersteine für Paul, Grete, Paul jun. und Werner Katz verlegt würden. Das Grundstück sei im April 1942 vom Deutschen Reich beschlagnahmt worden. „Zu Gunsten des Reiches“ heiße es im Grundbuch. „Angehörige haben Haus und Grundstück nach 1945 als Erben ihrer Schwester nach einer Klage gegen das Land Nordrhein-Westfalen wiederbekommen. Danach wechselten die Besitzer des Resthofes zweimal, bis 1952 das Amt Windheim zu Lahde das Gebäude kaufte, um darin sozial schwache Familien unterzubringen. In den 60er Jahren wurde das Grundstück geteilt und neu bebaut“, wusste Florian Hoffmann.


Weiße Rosen an den Stolpersteinen in Petershagen und Quetzen legte Gabi Damke (Arbeitsgemeinschaft) nieder.

An der Mindener Straße 20 in der Petershäger Altstadt wurden drei Stolpersteine für die Familie Gans verlegt.

In Quetzen verlegte Gunter Demnig vier Stolpersteine für die Familie Katz.


Fotos: Ulrich Westermann